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Von Australien nach den Malediven mit der Segelyacht  

 

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    Reisebericht - von Australien nach den Malediven

Mit „Serengeti„ von Darwin nach Malé

Seereisebericht von Rudi Diethart

 

27. September bis 2. Dezember 2000

Skipper: Toni Bozic

Crew: Rudi Diethart

 

Vorwort

 

 

Im August 2000 habe ich nach einigen Monaten Kampf mit mir selber und meinem Chef beschlossen, mich beruflich zu verändern. Nur wenige Wochen später bin ich unterwegs nach Australien, um mit Toni Bozic und seiner Serengeti den Indischen Ozean zu überqueren. Mit der Segelyacht über den Indischen Ozean

Seit sieben Jahren segle ich Urlaubstörns, seit drei Jahren auch als Skipper mit meiner eigenen Crew. Mein nächstes großes Ziel sollte irgendwann die Überquerung eines Ozeans sein. Dass dieser Traum so rasch Realität wurde und dass es gleich der Indische Ozean sein würde, war nicht vorhersehbar und planbar. Mehrere Umstände und Zufälle sind hier zusammengelaufen und erforderten eine kurzfristige Entscheidung. Ich habe sie getroffen, und muss auch die Konsequenzen zur Kenntnis nehmen.

Daß meine Beziehung zu meiner Lebenspartnerin Gerti diesen Törn nicht überleben sollte, war für mich ebenso unvorstellbar und undenkbar. So ist es aber gekommen und ich habe lange mit mir selbst gekämpft, ob ich nicht die doch sehr persönlichen Abschnitte aus meinem Tagebuch auslassen soll. Schließlich aber habe ich mich nach einigen Monaten entschlossen, bei meiner ganzen Wahrheit zu bleiben. Die nachfolgenden Seiten sind die ungekürzte und subjektive Niederschrift meines persönlichen Log- und Tagebuchs. So wie ich diese Tage und Wochen erlebt und gefühlt habe und so wie ich regelmäßig meine Eintragungen gemacht habe.

Herzlichen Dank an Toni Bozic und seiner Serengeti und Mast- und Schotbruch! Vielleicht passt es wieder einmal.

Rudi Diethart

März 2001

 

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Donnerstag, 12.9. – eine kurze Planungszeit

Das Abenteuer kann beginnen. Gestern habe ich Ticket, Visum und Globus übernommen, heute die Schutzimpfungen gegen Typhus, Diphtherie, Hepatitis, Kinderlähmung und Tetanus. Es sind noch zwei Wochen bis zu meinem Abflug, die Vorbereitungen aber schon fast abgeschlossen. Was noch nicht fertig ist, ist fix geplant und terminisiert. Es kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Halt - ach ja, noch eine Kleinigkeit: Der Eigner und Skipper der Serengeti, Toni Bozic, weiß ja noch gar nichts von seiner mitreisenden Deckshand. Was also, wenn ....?!?

Die finalen Arbeiten im Büro machen Spaß. Dass ich über meine berufliche Zukunft im Moment gar nichts weiß, beunruhigt mich überhaupt nicht. Mal schauen, wie es mir Anfang Dezember damit geht. Es ist ein wunderschöner Herbsttag in Oberösterreich, die Welt ist lebenswert. Zwei Wolken gibt es noch: Gertis Eltern werden sicher nichts Negatives sagen, aber bestimmt nicht einverstanden sein. Thomas hat sich noch immer nicht bei mir gemeldet und ich hoffe doch sehr, wenigstens noch zu einem vernünftigen Gespräch mit ihm zu kommen. Es ist mir trotz aller Hilflosigkeit meinerseits sehr wichtig zu sehen, dass er sein Leben auf die Reihe kriegt.

16.9. - 17.9. : Reith im Kamptal

Weinseglertreffen und Leseeinsatz mit der gesamten Crew - nur Gerti muss leider arbeiten. Aber auch wir schöpfen fleißig, haben viel Spaß. Ich glaube, unsere Crew ist bereits eine gerngesehene und auch gute Weinlesehilfe. Meine bevorstehende Abreise steht natürlich im Mittelpunkt, interessiert alle im Detail.

Kalenderwoche 38

Ganz schön stressig so eine Urlaubswoche: zweimal Arbeitsamttermin, noch ein letztes Gespräch mit dem Chef, letzte Arbeiten im Büro (im Urlaub natürlich!?), Familienfototermin, Gespräch mit Thomas in Spittal. Letztlich alles erledigt, außer dem Familienfoto, das von der Fotografin so arg vermurkst wird, dass wir es nicht kaufen.

Und als Höhepunkt der Woche kommt die erste Mail von Toni, der am 20.9. in Darwin eingelaufen ist und erstmalig von meiner Planung hört. Er freut sich riesig auf mich, und so fällt mir auch dieser letzte Stein vom Herzen. Und - Zufall oder was? -  Ein paar Stunden später gewinnen die Österreicher Hagara und Steinacher die erste Goldmedaille in Sydney 2000 - im Tornadosegeln. Einige Mails gehen zwischen Darwin und Gunskirchen noch hin und her, einige Besorgungen für Toni erledige ich noch gerne, dann viele Verabschiedungen und Glückwünsche und los geht's.

27.9. Linz – Darwin: eine mühsame Anreise

Abschied! Gerti bringt mich zum Flughafen nach Linz, noch ein schneller Kaffee, und dann weinen wir beide ein bisschen. Ich liebe sie, und es fällt mir nicht leicht, jetzt zu fahren. Aber ich liebe sie, auch weil sie mir wirklich keine Prügel in den Weg gelegt hat, weil sie von Anfang an wusste, wie viel mir daran liegt und weil sie schließlich keine pathetischen Worte verloren hat.

Die Lauda Air, die den Flug der AUA nach Frankfurt "operated" hat 45 Minuten Verspätung. Im Landeanflug kommt noch einmal eine halbe Stunde dazu. Jedenfalls ist die Singapur Airlines gerade weg, als wir durch den Terminal hetzen. Wir, das sind mittlerweilen Heli und ich. Heli ist ein Linzer, der mehrmals im Jahr beruflich in Singapur zu tun hat. Gemeinsam schauen wir also unserer Singapur Air nach und hetzen dann wieder in den anderen Terminal, weil wir vielleicht auf der Lufthansa-Maschine mitgenommen werden, die in einer Stunde startet. So ist es dann auch und bald sitzen wir nebeneinander erste Reihe fußfrei - vor uns fast 12 Stunden reine Flugzeit. Wir machen uns gleich einmal bekannt und siehe da, Heli ist auch ein begeisterter Segler, hat den B-Schein seit sechs Jahren, segelt auch mit eigener Crew zumindest einmal im Jahr und würde sofort mit mir tauschen. Ich aber nicht!

Morgens um acht Uhr landen wir dann pünktlich in Singapur. Schlafen war überhaupt nicht, vielleicht eine halbe Stunde gedöselt. Unser kurzfristiges Umbuchungsmanöver von SQ auf LH hat das Gepäck natürlich nicht mitgemacht; es kommt erst am Nachmittag mit der nächsten LH-Maschine nach. Tschüs, Heli, war nett mit dir zu fliegen. Vormittag 9 Uhr, bin doch müde; aber ich will nach Darwin. Der nächste Flug geht aber erst am Abend um 22.35 Uhr, also 13 Stunden Wartezeit am Flughafen. Wenigstens ist das Ticket um gut öS 2.500,- billiger, als wenn ich es gleich in Österreich gebucht hätte. Dann kaufe ich mir einmal eine Telefon-Card und rufe in Darwin an, um Toni meine Ankunft für den nächsten Morgen zu avisieren.

Singapur ist ein Wahnsinn: mehr als 13 Stunden habe ich jetzt am Flughafen zugebracht, aber eigentlich nie das Gefühl eines Flughafens empfunden. Eher schon ein über-dimensionales Wohnzimmer, sauber und gemütlich, gut klimatisiert, dezente Hintergrundmusik, freundliche Leute und überall dienstbare Geister, die ihren Job gewaltig ernst nehmen. Ob sie gerade die hektargroßen Fliesenböden sauber machen oder die Hydrokulturen pflegen, die überdimensionalen Balkonpflanzen am benachbarten Parkhaus zurückschneiden - man kann nur staunen, mit welcher Genauigkeit und welchem Ernst auch die scheinbar mindeste Arbeit erledigt wird.

Mit dem Fliegen habe ich kein Glück: nachdem schon das erste Gerät, die Lauda-Maschine defekt war, ist auch die Maschine nach Darwin wegen eines Bremsdefektes verspätet. Das hat man erst nach dem "boarding" festgestellt und mitgeteilt. Verspätung für den Austausch der Maschine: 1 Stunde. "Due to technical reasons..." ich kann es schon nicht mehr hören, denn inzwischen wurde der Abflug noch zweimal verschoben. Wenigstens bieten sie jetzt Erfrischungen an. Im Restaurant komme ich mit einer Australierin ins Gespräch. Sie ist gerade vor 5 Wochen von einem längeren Törn mit ihrem Mann zurückgekommen. Im September sind sie in Spanien gestartet, über Karibik, Panama und Südsee nach Cairns gesegelt, ein harter Törn, wie sie sagt in knapp zehn Monaten. Die Oyster 46 und die zusätzliche Deckshand lassen allerdings auf ganz gute Verhältnisse und nicht allzu viel Härte schließen.

Tatsächlicher Abflug nach Darwin ist dann um zwei Uhr morgens - ich kann dann wenigstens zwei Stunden schlafen, bis wir um sieben Uhr Ortszeit in Darwin landen.

Du darfst in Australien keine Lebensmittel einführen – absolut nichts. Als mein Seesack dann ziemlich zerrissen ankommt, heißt es gleich einmal alles auspacken. Die Hälfte fliegt mir schon so entgegen. Die junge Zöllnerin (ein Lehrling?) will es genau wissen und alles sehen. Während sie die Sachen auseinander nimmt, fragt sie mich nach Dauer und Länge meines Törns. Als sie die Packelgerichte sichtet, will sie zum wiederholten Male wissen, wie und wo ich Toni kennen gelernt habe usw. usf. Schließlich nehmen sie mir die Reisfleischpackeln ab, den Zwei-Komponenten-Kleber beschlagnahmen sie einmal. Die Oberzöllnerin belehrt mich inzwischen über Ausmaß und Wahnsinn meines strafbaren Vergehens, eine brennbare Substanz ins Flugzeug geschmuggelt zu haben. Was da passieren kann; unentschuldbar ist das sowieso. Schließlich wird der oberste Zollmanager geholt, er belehrt mich noch einmal 5 Minuten lang, dann darf ich – für mich schon überraschend - inklusive Kleber gehen. Man hilft mir dann wenigstens mit zwei Kartons aus, damit ich mein Zeug halbwegs wegtragen kann, da mein Seesack völlig unbrauchbar geworden ist. Abgerissen, mit zwei Kartons Wäsche, einem kaputten Seesack, einem Plastiksackerl und meinem Handgepäck entere ich nun ein Taxi und lasse mich beinahe schon willenlos zum Treffpunkt mit Toni in die Wharf kutschieren. 

Freitag, 29.9.: Darwin, Northern Territory

Um zehn Uhr kann ich dann endlich Toni begrüßen. Nach einem kurzen Verschnaufen bei Eiskaffee geht es dann erstmalig raus zur Serengeti, die ungefähr 400 m weit draußen vor Anker liegt. Ich werfe einmal meine Sachen hinein, auspacken kann ich später auch noch. Am Nachmittag machen wir einige Besorgungen in Darwin - für mich ist es fürchterlich heiß und irre anstrengend. Übermüdung und Klimaschock fordern ihren Tribut. Abends essen wir gebackene Shrimps in der Wharf, wo auch gleichzeitig ein kleiner Tanzabend stattfindet. Viel kriege ich aber nicht mehr mit, um 10 Uhr sind wir bereits an Bord und ich kurz darauf in der Koje. Koje ist nicht ganz richtig, denn wir schlafen ja im Cockpit, Toni auf Steuerbord (=die Kapitänsseite) und ich auf der Backbordbank.


 

Samstag, 30.9.

Erstmalig wieder ausgeschlafen geht es mir gleich wieder besser. Wir machen wichtige Einkäufe in Darwin. Zollfreien Alkohol bunkern steht am Programm; denn so günstig wird der Alkohol bis ins Mittelmeer wohl nicht mehr sein. Am Abend kocht Smutje Toni: seine hervorragenden Rumpsteaks werden gleichsam auf Vorrat gegessen, weil wir in den nächsten zwei Monaten wohl kein frisches Fleisch mehr kriegen werden. 

Sonntag, 1.10.: Crocs im Nationalpark Lichfield

Schon um halb sechs ist Tagwache und eine Stunde später Abfahrt zu unserem Touristenausflug in den Nationalpark Lichfield. Erste Station machen wir bei den Wangi-Falls, einem kleinen See mit zwei spektakulären Wasserfällen. Wir baden und planschen im bacherlwarmen, und doch erfrischenden Süßwasser. Weiter geht es dann per Bus zu einem größeren Fluss, den wir per Aluboot befahren. Sharon chauffiert nicht nur souverän den Bus, sondern hat auch den Außenborder bestens im Griff, ebenso wie ihre humor-volle Reiseleitung. Krokodile sehen wir allerdings nur in Miniversion bis auf zwei ca. dreimetrige Crocs, an die wir aber nicht wirklich nahe herankommen. Beeindruckend allerdings ist die Flora und Fauna insgesamt: Seeadler, Reiher, Kraniche, Jesusbirds u.v.m. können wir ganz nahe bewundern. Auch der Mittagslunch stammt von unserer universellen Sharon, bevor wir dann am Nachmittag mehrere Pools besuchen. Wie Naturstein-Badewannen bildet der kleine Wildbach in kurzen Abständen Tümpel – das fließende Wasser hat mit ungefähr 25° die ideale Temperatur zum Planschen. Ich glaube, ich genieße schon heute das Badevergnügen der nächsten beiden Monate im Voraus. Denn dann wird es für Körperpflege nur mehr Meerwasser geben.

Zwei junge Brasilianer – Fernando und Luciano – lernen wir unterwegs ganz gut kennen. Die beiden haben die Olympischen Spiele in Sydney besucht und sind gerade auf einer vierwöchigen Tour durch Australien. Fernando hat eine österreichische Großmutter und spricht nicht nur hervorragend deutsch, sondern hat auch verblüffende aktuelle Kenntnisse. Jedenfalls haben wir viel Spaß zusammen. So beschließen wir, nach der Rückkehr nach Darwin noch gemeinsam auf ein Bier zu gehen. Sharon empfiehlt uns das „Vic„, und wie zufällig erhalten wir auch Gutscheine für ein Gratis-Abendbuffet. Das Buffet ist zwar nicht überragend, erfüllt aber den Zweck optimal: das Bier fließt in Strömen! Übrigens ist hier grundsätzlich Selbstbedienung; du holst dir den 1140 ml-Krug mit kleinen Gläsern an der Theke. Der Krug um S 60,- ist für Australien wahrlich günstig. Der DJ ist auch Animateur und ein echtes Original. Ständig promotet er irgendwelche Publikumsspiele, und die Aussies sind voller Begeisterung dabei. Zum Beispiel werden auf der Bühne drei Ein-Mann-Minizelte bereitgestellt und drei Paare erhalten gemeinsam je ein Zelt. Dann heißt es ab in das Zelt und die Kleidung des Partners anziehen. Unglaublich, was sich da sowohl auf der Bühne als auch unter den Zuschauern abspielt. Die Stimmung kocht und das Bier fließt in Strömen. Toni und ich brechen um Mitternacht gerade noch rechtzeitig, aber schon gut illuminiert auf. Die Serengeti erwartet uns schon sehnsüchtig. Vorher rufe ich aber noch Gerti an - mit Tonis Hilfe bringe ich dann endlich eine Verbindung zusammen: Sie ist recht überrascht und hört sich sehr gut an am Telefon - und: ich vermisse sie schon.

Montag, 2.10.: Einkaufen für zwei Monate

Vormittag ist großes Zusammenräumen. Da wir für zwei Monate bunkern müssen, manche Waren schon bis zum Mittelmeer eingekauft werden, will auch ausreichend Platz geschaffen sein. In die Backbord-Achterkabine kommen die Alkoholika: 20 Karton Bier (mal 24 Dosen), 12 Flaschen Whisky, 12 Flaschen Gin, 12 Flaschen Rum. In die Vorschiffkabine stauen wir nur Lebensmittel. Nudeln beispielsweise sind noch ausreichend seit Panama an Bord. Alles andere aber kommt auf die große Einkaufsliste, mit der wir uns schließlich beim Manager des Supermarktes einfinden. Aufgrund unseres beabsichtigten Großeinkaufs überlassen wir es ihm, ob er uns einen großzügigen Rabatt geben oder alle Waren gratis an den Steg liefern will. Er entscheidet sich für die Gratislieferung, und wird diese auch selbst mit seinem Privat-PKW übernehmen. Vor dem Einkaufen gehen wir noch rasch in den Internet-Shop, Gertis erste Mails abrufen und letzte Infos heimschicken. Bis zu den Malediven wird es dann keinen Kontakt mehr geben können.

Mehr als zwei Stunden fegen wir dann kreuz und quer durch den Supermarkt, fünf große Trolleys werden angefüllt. Gar mancher beobachtet uns etwas verwundert. Des Managers Auto ist schließlich randvoll, Toni und ich drängen uns gerade noch gemeinsam auf den letzten freien halben Meter. Brutal schweißtreibend wird dann der Weg vom Auto zum Dingi. Da geht es doch rund 50 m weit über einen schmalen Steg hinunter, und die zahlreichen Kartons sind in der Nachmittagshitze nicht wirklich leicht. Toni und ich sind im T-Shirt wenigstens vernünftig gekleidet, Managers weißes Hemd ist in Kürze total verschwitzt, wenigstens die Krawatte hat er selbst schon vorher weggegeben. Ich glaube, er bereut seine Entscheidung schon. Persönlich wäre er mit einem Rabatt wirklich besser weggekommen. Gottseidank brauchen wir dann nicht mit dem eigenen kleinen Dingi den Transfer zum Boot durchführen; das hätte wenigstens vier bis fünf Fahrten bedeutet. Auf Anfrage ist uns der benachbarte Ausflugsboot-Skipper behilflich, was gleich mehrere Vorteile hat: es ist leicht zu beladen, wir bringen alles in einer einzigen Fahrt zur Serengeti und können auch wieder fast waagrecht entladen. Kurz nach sechs Uhr abends haben wir dann alle Kartons im Cockpit. Systematisch und flott packen wir es an, der Schweiß rinnt in Strömen, aber um acht Uhr sind wir ziemlich fertig. Der Großteil ist bereits an Ort und Stelle gestaut. Wir sind richtig zufrieden und körperlich wohl ebenso fertig. Noch rasch mit den leeren Kartons zur Wharf fahren, dann gönnen wir uns zum Abschied die letzten gegrillten Scampi und eine schöne Flasche Chardonnay zur Feier des letzten Tages an Land.

Dienstag, 3.10. – 1. Seetag: Leinen los in Darwin!

Um halb sieben ist Tagwache, einen schnellen Kaffee und schon geht es los: Dingi aus-einandernehmen und verstauen, Wassertank und Kanister mit frischem Wasser füllen, Cola und Softdrinks stauen usw. Um halb neun verholen wir dann zum Zollsteg in der Cullen Bay. Pünktlich um neun werden dann unsere alkoholischen Einkäufe angeliefert; auch die Zollformalitäten sind rasch erledigt. Wasser bunkern inklusive Reservekanister auffüllen dauert da schon einiges länger. Auch Benzin und Diesel werden aufgefüllt. 40 l Diesel in Kanistern als Reserve. Um elf Uhr sind wir schließlich fertig. Das heißt, jetzt haben wir keine Eile mehr und wir gönnen uns noch einen besonders leckeren Brunch: Räucherlachs mit Toast und Eiern – ein Gericht, das wir wohl auch in den nächsten beiden Monaten nicht am Speisezettel finden werden.

Kurz nach Mittag heißt es für uns dann definitiv „Leinen los„ mit dem Ziel Ashmoor Reef, ungefähr 500 Seemeilen genau westlich von Darwin. Mit einer leichten Brise nehmen wir Kurs aus dem Hafen hinaus. Toni beginnt gleich einmal recht scharf und droht, mich zum Einhandsegler auszubilden: ganz allein muß ich das Großsegel setzen, während Meister Toni gemütlich im Cockpit sitzt und ab und zu mit Anweisungen auf sich aufmerksam macht. Die Akklimatisation habe ich noch immer nicht hinter mir; ich leide nach wie vor ganz schön unter der Hitze und bin extrem kurzatmig. Schließlich dümpeln wir bereits um vier Uhr nachmittag fast ohne Fahrt nur rund sieben Meilen von der Küste entfernt. Und dennoch genieße ich jeden Augenblick und kann mich rundherum einfach nicht satt sehen. Es sind so viele verschiedene Eindrücke und Gedanken, die mich beschäftigen.  

Toni hat inzwischen begonnen, mich mit seinen Freunden an Bord bekannt zu machen. Da wäre einmal Gusti, der Eiserne; der unter Motor Kurs hält, während sein Vetter Vasco (da Gama) als Windfahnensteuerung geboren wurde. Vasco ärgert uns momentan ganz schön, weil er bei so geringem Wind einfach Probleme hat, den Kurs zu halten. Herrlich aber ist die kleine Plattform unter Vasco, denn dort sitzt man mit den Füßen im Wasser und holt sich mit einer kleinen Plastikflasche Wasser herauf zum Duschen und Abkühlen. Aufgrund der großen Hitze und der geringen Fahrt habe ich heute auch meinen Pyjama ausgepackt. Er ist wunderbar leicht, eine Nummer zu groß und schön weit und schützt mich zusammen mit den Radlerhandschuhen bestens gegen die Sonnenallergie, vor der ich ganz schön Angst habe. Außerdem wird mit 20er-Faktor Sonnencreme auch nicht gespart. Eine Fehlinvestition allerdings war der Sonnenspray, weil man beim Aufsprühen sofort fettige Finger kriegt, der Sprühknopf verdreht sich aber regelmäßig und so braucht man erst wieder beide Hände und die ganze Flasche ist geschmiert und glitschig.  

Australien

Von Australien habe ich ja wirklich nicht viel gesehen: Ankunft am Freitag morgen und Abfahrt am Dienstag. Aber eines ist mir schon aufgefallen, und wird auch von Toni, der ja eine Woche länger hier war, bestätigt: es gibt unglaublich viele Vorschriften im ganzen Land – für alles und nix. Die Aussies selbst fühlen sich auch ‚overregulated‘, aber sie nehmen es sehr humorvoll und locker, vor allem aber ohne irgendeinen Protest hin. Und die Aussies sind durch die Bank sehr freundlich und kommunikativ. Du kommst mit jedermann sofort und ganz leicht ins Gespräch. ‚Have a good time‘ wird hier wirklich gelebt, außer von den Aborigines. Hier gibt es augenscheinlich große gesellschaftliche Probleme. Sehr häufig sind die versoffenen Sandler Aborigines. Eine Problematik und ein Schicksal, wie es auch bei den Indianern in Nordamerika bekannt wurde. Die Problematik der Aborigines dürfte durch die aktuellen Olympischen Spiele eher noch weiteren Zündstoff erfahren haben, weil eine noch breitere Öffentlichkeit jetzt aufmerksam wird. Der Konflikt aber ist schon viel älter. Ich habe persönlich eher den Eindruck gewonnen, daß trotz aller Bemühungen und guten Mienen beide Seiten in Wirklichkeit aufgegeben haben. Man lebt halt im selben Land und nebeneinander, aber man versteht sich gegenseitig nicht wirklich und will es scheinbar auch gar nicht (mehr).

Beeindruckt hat mich der Nationalpark Lichfield. Nicht nur wegen der Natur, sondern auch wie die Aussies damit umgehen. Sie gehen gern und oft in den Park, nicht um ihn zu bewundern, sondern um in ihm zu leben und sich zu entspannen. An allen stark frequentierten Stellen des Parks gibt es vorgefertigte Grillstellen. Da kommen sie dann, werfen ihre Steaks auf den Grill, planschen in den Pools und genießen den Tag. Man bedenke, daß hier Trockensaison ist. Der Busch ist völlig dürr. Bei uns hätte man längst „Waldbrandgefahr – offenes Feuer strengstens verboten„ verordnet. Die Aussies aber haben verstanden, daß man einen Waldbrand nicht einfach verbieten kann, daß man ihn aber durch vorgefertigte Stellen weitgehend vermeiden kann. Das entspricht viel besser dem Freiheitsstreben jedes Menschen. ‚Prohibited areas‘ und eingezäunte Waldstücke gibt es dennoch mehr als genug. Toni hat sich bei den Wangi-Falls einen Weg durch das Gehölz über die Wasserfälle hinauf verschafft. Als er oben so herumspaziert, und Fotos von den Planschenden unten macht, stößt er plötzlich auf ein Schild, das ihm mitteilt, daß er sich auf heiligem Boden der Aborigines befindet. Betreten wird mit AUD 20.000,- (ca. S 180.000,-) bestraft! Verdammt schnell und überaus leise hat er umgedreht. Sie sind halt einfach recht widersprüchlich, die lieben Aussies, nichtsdestotrotz aber ein unheimlichlockerer und liebenswerter Menschenschlag.

Australien - Christmas Island - Chagos - Malediven - Segelreise

Mittwoch, 4.10. – 2. Seetag

Neun Uhr vormittag, das Handwerk ist getan und der Skipper meint, ich könne für den Rest des Tages nun frei machen. Wir dümpeln bei ganz leichtem Wind aus WNW mit ca. zwei Knoten Fahrt dahin. Unser Kurs 270 ist nicht zu halten, wir haben 240 anliegen, aber kein Problem, weil die Generalrichtung stimmt und bei dem Tempo das Ziel noch verdammt weit weg ist. Schön, aber nun der Reihe nach. Was hat sich seit gestern abend so alles getan?

Blutrot ist um 18.45 Uhr die Sonne im Meer versunken. Achteraus stehen über dem Festland riesige Quellwolken in der Abendsonne und irgendwo an Land muß es ein Buschfeuer geben, das wir noch lange in der Nacht sehen können. Mit einer leichten Brise versuchen wir Kurs West zu machen. Als der Wind dann ganz einschläft, starten wir nochmals den Motor, um den Abstand zum Land noch etwas sicherer zu machen. Derzeit sind wir erst 7 – 8 sm entfernt. Schön ist auch die Skyline von Darwin, wie sie langsam in der Kimm versinkt.

Und dann sind wir plötzlich ganz allein – kein Land mehr zu sehen und zu spüren. Dafür aber regt sich eine schöne raume Brise, wir bergen das Groß und segeln unter Genua genau auf Westkurs 270. Der Wind ist aber recht instabil sowohl in Stärke wie auch in Richtung: von SE bis N und von 0 – 3 Beaufort (bft). Der Wechsel erfolgt oft im Viertelstundentakt.

Schon um neun Uhr abends fallen mir erstmals die Augen zu. Übrigens habe ich die Steuerbord-Achterkabine bezogen, d.h. hier habe ich meine persönlichen Utensilien gelagert. Ich selbst schlafe ja auf der Backbordbank im Cockpit unter freiem Himmel. Unter mir eine ca. ¼ aufgeblasene Luftmatratze, darauf der Schlafsack und zum Zudecken ein Leintuch. In den Schlafsack schlüpfe ich nur hinein, wenn es wirklich etwas kühler wird und das wird recht selten der Fall sein. Die Nacht ist einfach herrlich, weil angenehm kühl, wenn der Wind etwas auffrischt. Romantisch ist es auf jeden Fall: Sterne schauen, Wind und Boot beobachten und schlafen. Also, um neun Uhr fallen mir die Augen erstmalig zu. Wir fahren ohne Positionslichter, um Strom zu sparen. Und weil wir noch ziemlich dicht unter Land sind, heißt es öfter mal einen Rundblick machen. Es verwundert mich aber schon, daß hier so überhaupt gar kein Schiffsverkehr ist. Die ganze Nacht über sehen wir ein einziges Segelboot am Horizont, das offensichtlich auf Gegenkurs nach Darwin ist. Als auch Toni dann schnarcht, schaue ich einmal auf Kurs und in die Runde: nichts zu sehen, nur das Meer und unsere Serengeti auf halbwegs richtigem Kurs nach Westen. Wir haben keinen Wachplan gemacht, und schon gar nichts schriftlich fixiert. Ich bin mir aber sicher, daß wir so im Halb- bis Stundentakt jeder einmal in die Runde geschaut haben. Ich schlafe traumhaft gut, in der frischen und angenehmen Meeresluft, aber nicht sehr tief; ich bin sicher 6 bis 7-mal munter, schaue in die Runde und auf den Kompaß und schlafe gleich wieder weiter. Und da ich nicht annehme, daß mein Skipper die ganze Nacht durchgeschlafen hat, wir aber nie gleichzeitig munter sind, dürften wir von Anfang an einen recht guten und natürlichen Rhythmus gefunden haben. Morgens kurz nach sechs beginnt die aufgehende Sonne den Horizont blutrot ein-zufärben, bevor sie selbst heraufkommt. Mit einem halben Auge schaue ich mir das Schauspiel an und mützle noch bis sieben weiter. Dann gibt es Frühstück. Der Wind kommt wieder recht vorlich, ich setze wieder das Großsegel und wir gleiten fast geräuschlos dahin. Toni programmiert sein GPS, noch 462 sm bis Ashmoor-Reef, liest den Kurier, als wäre es der heutige, den der Austräger in der Nacht ins Cockpit geworfen hat. Ich betreibe einmal ausgiebig Körperpflege und achte besonders auf die richtige Schmierung, weil es heute wieder brutal heiß werden wird. Es geht uns einfach blendend - möge es uns nie schlechter gehen! Nur mit meinen Medikamenten habe ich so mein Problem. Ich sollte sie dreimal täglich und regelmäßig nehmen. Das einzige, was hinhaut, ist die Regelmäßigkeit – ich vergesse sie fast regelmäßig. Und der Klimaschock vom herbstlichen Oberösterreich in das tropische Australien wirkt sich immer noch aus. Ich bin ständig kurzatmig und Füße und Finger sind ziemlich angeschwollen. Aber alles kein wirkliches Problem. Ganz im Gegenteil: die ersten 24 Stunden an Bord sind ausgesprochen sanft gelaufen, damit ich mich in Ruhe gewöhnen kann. Unser erstes Etmal beträgt dürftige 74 Seemeilen (sm).

Den ganzen Tag über treffen wir immer wieder auf lange, schmale Bahnen mit gelb-braunen Flöckchen oben drauf. Erst einmal vermuten wir, daß hier wieder ein Dickschiff seine Tanks gereinigt hätte. Doch dann erinnere ich mich, daß ich ähnliches schon einmal gesehen habe, und zwar während unseres Frühjahrstörns in der Türkei. Auch damals dachten wir erst an Umweltverschmutzung großen Stils, bis man uns erklärte, daß es sich um Blütenstaub von Pinien handelt. Nur sind wir hier inzwischen mindestens 40 sm von der Küste entfernt. Aber es muß Blütenstaub sein, der durch Wind und Strom so weit transportiert wird, denn Schiffsverkehr findet so gut wie gar nicht statt. 

Donnerstag, 5.10. – 3. Seetag: flau, flauer, Flaute!

In den gestrigen Abendstunden hatten wir schönen Segelwind, allerdings genau aus Westen, so mußten wir einige Stunden lang aufkreuzen. Noch während der Nacht wird der Wind stärker und dreht auf NE, sodaß wir 270 laufen können und das noch dazu mit gutem speed. Die ganze Nacht geht es recht flott dahin. Noch vor Sonnenaufgang kommt ein Besucher an Bord – ein Wasservogel – ca. 50 cm hoch mit langem, spitzem Schnabel und breiten Schwimmhäuten. Er nimmt auf unserem Bimini Platz, ist recht interessiert, wie wir langsam aus dem Schlaf erwachen; er ist gar nicht besonders scheu und läßt sogar zu, daß ich meinen Fotoapparat hole und ihn fotografiere. Bis zum Frühstück hat er aber scheinbar nicht mehr Zeit und ist ganz plötzlich wieder weg.

Mit Sonnenaufgang ist auch der Wind wieder weg; wir dümpeln in der Dünung und die Segel schlagen den Takt dazu. Aber auch dümpeln will ertragen sein, wie mein Skipper so schön sagt. Und ich bin mir sicher, daß es noch einmal viel dicker kommen wird und ich mir eine ruhige See wünschen werde. Da es wieder extrem heiß wird, besteht der Deckanzug wieder aus Pyjama, Handschuhen und Kappe, weil ich an den Händen schon das verräterische Jucken einer beginnenden Sonnenallergie spüre. Gerade in einer Flaute wird man besonders aktiv, weil du dann eigenartigerweise viel weniger Lust zum Entspannen und Faulenzen hast. Am Vormittag reinigen wir die diversen Abflüsse in Pantry und Bad. Das ist zwar eine stinkende, unappetitliche und auch schweißtreibende Arbeit, dafür aber werden wir den leichten Gully-Mief los, der uns schon seit einigen Tagen auffällt.

Unser Mittagsbesteck setzt uns genau 5 sm westlich von jenem Punkt, den wir schon um acht Uhr morgens erreicht hatten. Und in diesem Tempo dümpeln wir weiter – noch 391 sm bis Ashmoor-Reef. Mittlerweilen ist eine leichte Bewölkung aufgezogen, die die Mittagshitze etwas erträglicher macht. Und um 15.30 Uhr gibt es ein Briserl, das wenigstens das grauenhafte Schlagen der Segel beendet. Auch das leise Gurgeln des Kielwassers ist wieder zu hören, meist allerdings klar übertönt vom Schnarchen des Skippers. Erstaunlich sind die zwei kleinen Schmetterlinge, die um unser Boot herumfliegen und kurz darauf beobachte ich auch eine Libelle, die sich auch einmal kurz im Cockpit ausrastet. Wie können diese kleinen Tierchen nur solche Strecken zurücklegen? Wir sind ja immerhin rund 100 sm vom nächsten Land entfernt! Um diese Nachmittagsstunde ist es auf Westkurs auch fast nicht mehr möglich, ein schattiges Platzerl an Deck zu finden. Vor allem wenn das Boot aufgrund der geringen Geschwindigkeit hin- und hergeigt, dann läuft dir auch der letzte kleine Schatten immer wieder davon. Das Briserl hat auch nur eine halbe Stunde ausgehalten, dann war schon wieder Schluß und so torkeln wir in die Nacht hinein.

Kaum aber ist die Sonne weg, da kommen dunkle Regenwolken näher. Rasch noch unser Bettzeug wegräumen und dann hört man es schon prasseln, weil es schon ganz nahe ist. Trotz der Nacht und nur halbem Mond ist es erstaunlich hell und der Regen schmeckt so süß, weich und warm – wir genießen ihn richtig, weil mit dem Regen auch Wind kommt und wir endlich wieder gute Fahrt machen, zwar mehr nach Süd als nach West, aber immerhin. Der Regen ist dann rasch vorbei, es ist kühl geworden, die unerträgliche Schwüle ist wie weggeblasen, aber nach der erfrischenden Dusche braucht man jetzt wieder Kleidung. Bald ist auch das Cockpit wieder aufgetrocknet und wir können unsere Bettstatt wieder herrichten: noch ein bißchen Sternderl schauen, und weg! Mit mäßigen und drehenden Winden „rauschen„ wir durch die Nacht. Ich schlafe wie immer gut und tief, bin aber doch auch immer wieder munter, um in die Runde zu schauen (ob uns vielleicht jemand niederführen will), den Kompass zu prüfen und den Vasco nachzustellen, damit er wieder genau auf Kurs ist bei diesem drehenden Wind. So macht segeln Spaß und ist ein Kinderspiel.

Freitag, 6.10. – 4. Seetag

Der Wind hält heute bis mittag halbwegs durch, sodaß wir mit 86 sm unser bisher bestes Etmal verzeichnen. Und heute wird auch das große Indic-ocean-Schnapserturnier eröffnet. Die Regeln: ein Bummerl geht auf best of three, der Einsatz ist eine Runde, einlösbar in Malé auf den Malediven. Jedes Spiel muß eingelöst werden, die Bummerl können nicht saldiert werden. Am Ende des Tages habe ich den Barkeeper in Malé schon einmal zwei Runden auf Tonis Rechnung setzen lassen. Was den ehrgeizigen Skipper zu Überlegungen veranlaßt, was nun mit mir zu tun wäre – selbst als Fischköder möchte er mich verwenden. Die Nacht wird schlimm, weil die Flaute andauert und das erbärmliche Schlagen der Segel nicht aufhört.

Samstag, 7.10. – 5. Seetag: Ein erstes Rekordetmal!

Zum Frühstück gibt es heute deftige Bratkartoffel, Zwiebel, Wurst und Eier. Toni hat gestern den neuen Ersatzofen ausgepackt, auf dem wir nun im Cockpit kochen, nachdem auch die zweite Flamme kaputt ging. Eine war sowieso schon irreparabel, die zweite hat Toni dann mit beträchtlichem Aufwand hinzukriegen versucht. Trotzdem werden wir den eingebauten Herd nur mehr als Backofen für das Brot verwenden können. Ich bin schon gespannt, wie das Kochen im Cockpit bei gröberer See und Krängung funktionieren soll?

Nachdem die Flaute unverändert anhält, erwarten wir für heute unser negatives Rekordetmal. Da wir allerdings noch drei Stunden bis Mittag haben, versuchen wir ein letztes Mal mit Aeolus vernünftig zu reden. Das hört sich dann in etwa so an: „He, du altes A..., wenn du glaubst, daß du dieses Etmal vertreten kannst, dann tu‘ nur weiter so. Uns ist es scheißegal, wir haben Zeit. Aber wir schreiben’s in die Bücher – ungeschminkt! Und das geht dann ganz allein auf deine Kappe und wird von der ganzen Welt auch gelesen werden.„ So und mit weiteren deftigen Drohungen versuchen wir, den Gott der Winde aus der Reserve zu locken. Gestern haben wir ihn schon für die nächsten 14 Tage vom Sundowner ausgeschlossen, aber die Sanktionen scheinen den sturen Hund nicht nachhaltig zu beeindrucken.

Mittags ist es soweit: Toni muss mit 31 sm sein bisher absolut schlechtestes Etmal verbuchen. Jetzt aber packen wir den Blister aus, für ca. zwei Stunden mit mäßigem Erfolg und zwei Knoten Fahrt, dann fällt auch dieses riesige Leichtwindsegel zusammen. Wenigstens aus der Backstube gibt es Erfreuliches zu berichten: Bäcker Toni hat zugeschlagen. Halb mit Weizenmehl und halb mit österreichischem Roggenmehl und Brotgewürzen und erstmalig ohne Sauerteig gibt es hervorragendes frisches Brot. Es wird noch warm mit Knoblauch-Margarine verzehrt. Allerdings gibt es ein Missgeschick: Toni beißt sich an einer Kruste eine Plombe aus. Für uns heißt das, dass wir jetzt Christmas Island anlaufen müssen, weil es nur dort einen Zahnarzt gibt; Ashmoor-Reef ist ja vollkommen unbewohnt. Irgendwie gefällt mir diese Nachricht, weil ich mir den Riesen-Schlag von Ashmoor nach Chagos mit rund 3000 sm eigentlich nicht wirklich vorstellen kann. Aufgrund der aufkommenden Freude stelle ich bei mir natürlich auch eine leichte hintergründige Angst fest. Mal schauen, wie ich mich selbst so weiterentwickle.

Sonntag, 8.10. – 6. Seetag

Während der Nacht hatten wir wieder ganz leichten Segelwind, der uns in einem Schlag nach Süd, im anderen nach Nord brachte, dem Ziel aber nicht wirklich nicht näher. Um neun Uhr starten wir dann den Motor, um die Batterien aufzufüllen und das erbärmliche Etmal so wenigstens auf 42 sm zu verbessern.

Waschtag ist! Ich packe einmal mein Tubenwaschmittel aus: Handtücher, T-Shirts, kurze Hose und Deck-Pyjama wollen gereinigt und vor allem vom Schweiß befreit sein. Toni schaut sich meine Aktion einmal skeptisch aus der Entfernung an. Ein Kübel mit Meerwasser, ein paar Zentimeter Waschmittel aus der Tube, Wäsche einweichen, ein paarmal durchdrücken, nach einer halben Stunde noch einmal und mit frischem Seewasser spülen, aufhängen, fertig. Nachdem mein Skipper allerdings gesehen hat, wie meine Wäsche nun an der Reling baumelt und trocknet, bringt auch er seine verschwitzten Sachen und eine zweite „Trommel„ ist rasch angesetzt.

Ich glaube, seit drei Tagen haben wir kein Schiff mehr gesehen. Auch die Fische haben sich inzwischen rar gemacht. In der Abenddämmerung kann man ab und zu ein paar springende Fische beobachten, die wahrscheinlich gerade von einem Raubfisch gejagt werden. Fliegende Fische fehlen vollkommen, kleinere Schulen Delfine haben wir zweimal vorbeiziehen sehen. Auch Wasservögel und Seeschwalben sind rar. Woran liegt das nur? Hat das mit der Hitze und der Flaute zu tun?

Die Timor-See ist jetzt eher einer Wüste vergleichbar, wenn der Wind so komplett fehlt. Und trotzdem ist es eine Wüste, in der keine Langeweile aufkommt; das Auge ist ständig in Bewegung und wenn es auch nur der ewigen Dünung gilt, die immer wieder in den unterschiedlichsten Formen und Farben anrennt. Mal hebt sich da ein langgezogener „Hügel„, dann tut sich dort wieder ein „Tal„ auf, mal ist das Meer fast unbewegt und glatt, und dann wieder leicht gekräuselt – wie gesagt, es gibt ständig wechselnde Formen und Farben zu beobachten.

Zimmer, Küche, Kabinett: bei uns spielt sich in Wirklichkeit ja das ganze Leben im Cockpit ab. Die Räumlichkeiten unter Deck dienen eigentlich nur als Arbeits- und Lagerbereich: Wäsche, Getränke, Lebensmittel, nautische Geräte, Tonis Computer, all das liegt mehr oder weniger gesichert unter Deck. Wenn ich zweimal täglich in meiner Kabine vorbeikomme, um etwas zu holen oder wegzubringen, dann ist schon alles beisammen. Im Cockpit da wird gelebt und geschlafen, gegessen, und seit wir den Ersatzherd einsetzen auch gekocht. Darum ist es auch höchst an der Zeit, mit einigen Kübeln Wasser und Bürste einmal für Sauberkeit in unserem Wohn-Schlafzimmer zu sorgen. Für die schmalen Zwischenräume der einzelnen Teakstäbe verwenden wir eine alte Zahnbürste. Irgendwie ist mir diese großflächige Reinigung mit diesem Werkzeug aber in sehr negativer Erinnerung. Aber schon nach kurzer Zeit schaut unser Lebensraum wieder recht manierlich aus und wir brauchen uns nicht zu schämen, sollte vielleicht überraschender Besuch kommen.

Das lässt die Timor-See nicht auf sich sitzen, dass es hier keine Fauna gibt. Kaum geschrieben, beobachten wir zahlreiche Quallen (Portugiesische Galeere): Die größeren sind ca. 15 cm im Durchmesser, rostbraun mit einem roten Kreuz. Und als wir gerade wieder beim Abkühlen auf der Plattform sind, tauchen plötzlich zwei junge einmetrige Haie in unserem Kielwasser auf. Sie sind höchst interessiert und nachdem ich meine (stinkenden?) Füße aus dem Meer heraushabe, kommen sie auch ganz nahe an die Plattform heran, sodass wir sie auch fotografieren können. Eine Viertelstunde verfolgen sie uns, dann sind sie weg. Jetzt setze ich meine Dusche fort, allerdings mit genügend Respekt, die Füße nicht ins Wasser baumeln zu lassen und immer mit einem vorsichtig sichernden Blick in die Runde. Und tatsächlich, kaum bin ich zurück an Bord, sind auch die beiden Nachwuchshaie wieder da. Einige Male sichten wir dann auch noch große Schildkröten in einer Entfernung von 30 bis 40 m vom Boot. Näher lassen sie uns nicht heran und tauchen sofort ab.

Wie immer gibt es nach Sonnenuntergang eine leichte Brise, mit der wir fröhlich in die Nacht gehen und, wie fast immer, schläft die Brise dann bald ein, und mit der Begleitmusik der schlagenden Segel schlafe ich mehr schlecht als recht.

Montag, 9.10. – 7. Seetag: Neuer Kurs Christmas Island

Aufgrund der nach wie vor lausigen Etmale müssen wir Ashmoor-Reef streichen. Da ein Tauch- und Schnorchelaufenthalt auch zwei bis drei Tage in Anspruch nimmt, wir aber jetzt Christmas Island anlaufen müssen, wo wir auch zumindest drei Tage Aufenthalt kalkulieren müssen, wird dann die verbleibende Gesamtzeit schon knapp. Man kann eben nicht alles haben. Nachdem ich aber kein Taucher bin, hält sich mein Schmerz in Grenzen. Und in Christmas Island habe ich eventuell die Chance auf Internet und damit auf heimatlichen Kontakt. Und wie mir Toni gerade sagt, gibt es von dort auch 14-tägige Flüge nach Singapur. Was will er mir damit wohl sagen?

Nach der heutigen Position haben wir noch rund 1.300 sm bis Christmas Island. Sollte sich Aeolus ab sofort wesentlich bessern, könnten wir um den 21.10. dort sein. 

Dienstag, 10.10. – 8. Seetag: ein neues Rekordetmal

Eine Woche auf See, genauer gesagt in der Timor-See, die sich von Darwin im Osten bis Ashmoor-Reef und Hibernian Reef im Westen über ca. 500 sm Ausdehnung erstreckt. Die Timor-See ist ein flaches Meer mit Tiefen unter 100 m und erst nach den beiden Riffs beginnt der Indische Ozean und damit auch der Übergang zu großen Meerestiefen. Eine Woche auf See, Zeit für eine kleine, erste Rückschau:

Nachdem wir uns nach einer Woche noch immer in der Timor-See befinden, ist über die schwachen Winde und Flauten auch schon alles gesagt. Mehr als einen schwachen 3er für ein paar Stunden konnten wir bisher noch nicht verbuchen. Unser Wochenetmal von rund 370 sm ist nicht viel besser als so mancher starke Urlaubstörn, wo man allerdings praktisch jeden Abend in einem Hafen anlegt. Aber, was soll’s, wie sagt Skipper Toni so richtig: „Flauten gehören ebenso zum Segeln und wollen ertragen sein!„ Was also treiben wir so den ganzen Tag?

Hier ein typischer Tag auf der Serengeti:

Ein Tag auf See

Tagwache ist so zwischen halb sieben und sieben, jedenfalls bald nach Sonnenaufgang (unsere Bordzeit ist noch immer Darwin-Zeit, und darum geht die Sonne auf Westkurs natürlich alle Tage ein bißchen später auf). Toni und ich haben kulinarisch keine besonderen Vorlieben und daher auch kein Problem (das hängt natürlich auch damit zusammen, daß wir Männer halt sowieso nicht verwöhnt sind).

Also, zum Frühstück gibt es Nescafé mit Milchpulver und Zucker, Tonis selbstgebackenes Bordbrot, Margarine, Käse(Toast)scheiben, Salami aus Australien, Marmelade aus Fidji oder Honig aus Panama. Ab und zu gibt es auch deftige Rühreier mit Speck aus dem Gailtal. Wir essen ausreichend und unwahrscheinlich international. Nach dem Frühstück und Abwaschen wird meist noch ein wenig nachgemützelt. Es folgt die Körperpflege: Duschen auf der Plattform mit Meerwasser, Zähneputzen mit Süßwasser. Flautentage haben keinen Wind, kein Wind wieder heißt, daß die Sonne noch erbarmungsloser herunterknallt. Mein Decksanzug besteht dann aus dem Pyjama, den Handschuhen und dem Kapperl.

Vormittag ist auch die beste Zeit für kleine Reparaturarbeiten, die auch immer wieder anfallen: Schlafsack ausbessern und nachnähen, Ofen reparieren, usw. Die Arbeit nimmt aber nicht wirklich überhand, wenn ich auch immer wieder einmal aufgrund der Skipper‘schen Schikanen nach der Seefahrergewerkschaft schreie. Oft diskutieren wir am Vormittag recht ausführlich über ein aktuelles Thema (oder das, was für uns eben aktuell ist!). Österreichs Politik und Wirtschaft kommt auch nicht zu kurz. Oder, es läuft einfach der Schmäh. Zu den wichtigeren Arbeiten zählen noch Tagebuch führen und Wäsche waschen. Wir haben rund 20 l Sirup mit Orangen-, Zitronen- und Limettengeschmack gebunkert, weil man mit mindestens 2,5 l Flüssigkeit pro Tag und Person rechnen muß. Alkohol spielt keine wirkliche Rolle, aber 5 bis 6 Flaschen Saft pro Tag verbrauchen wir schon. Auch Radler (australisches Foster-Bier und Sprite) ist ein beliebtes Getränk tagsüber und zwischendurch. Da wir keinen Kühlschrank haben, ist mir persönlich das Bier zu warm, um es pur zu trinken, als Radler bin ich aber auch gerne dabei. Auch das Frischwasser aus dem Tank ist mit wenig Sirup hervorragend zu genießen, ohne Sirup ist der Tankgeschmack nicht zu verleugnen.

Der Lunch muß schnell gehen, gesund sein, und nicht allzu viel: Business-Lunch für moderne Seefahrer halt! Etwas Saures oder ein Fruchtsalat ist mehr als genug. Denn wichtiger ist die Jagd nach dem Schatten, dem wir zwischen 11 und 5 Uhr intensiv frönen. In der prallen Mittagssonne ist es einfach nicht auszuhalten und auch gefährlich. Auch am Duschdeck ist es nicht wirklich besser, wenn das Wasser um die 30 Grad C hat. Besonders die Nach-mittagsstunden zwischen 2 und 4 sind für mich besonders anstrengend, da bin ich schon spürbar kurzatmig, auch ohne große körperliche Aktivitäten. Am Programm steht daher lesen, schreiben oder ein kleines Nickerchen. Um 5 ist die Sonne dann schon so tief, daß man sie wieder halbwegs vertragen kann. Wir machen dann zB. ein Bummerl, wobei das Ergebnis gleich direkt dem Barkeeper in Malé zugerufen wird, damit er die einzelnen Runden schon einmal vorbereiten kann. In 5 bis 6 Wochen sind wir ja schon da!

Eine Alternative ist einfach Natur schauen. Zuschauen, wie die Sonne langsam vor dem Bug versinkt, ist immer wieder ein faszinierendes Schauspiel, so kitschig, so schön. Oder Tiere beobachten: Quallen und Seeschlangen sind momentan recht zahlreich, Schildkröten sind wunderschön und ebenso scheu. Oder noch einfacher: nur Meer beobachten. Obwohl ich seit einer Woche nur Wasser sehe, wird es nie langweilig, es ist ständig was los!

Abendessen wird so um 7 serviert. Abends gibt es immer was Warmes und wir haben auch erstaunlich viel Abwechslung. Einfache Gerichte, die uns aber immer schmecken. Und: es wird so gut wie alles verwertet, kaum einmal daß etwas als Fischfutter entsorgt wird. Auch während des Essens lassen wir gerne den Schmäh laufen oder diskutieren ernsthaft über ein aktuelles Thema. Schon bald nach Einbruch der Dunkelheit um 8 Uhr richten wir unsere Betten im Cockpit her. Elektrisches Licht gibt es aus Strom-Spargründen nicht, d.h. noch ein wenig Himmel und Sterne schauen, ein bißchen quatschen oder auch nur den eigenen Gedanken nachhängen, was mir besonders viel Vergnügen bereitet. Und jede Wette: um halb zehn oder zehn bist du dann im Land der Träume. Allerdings sind wir des Nachts immer wieder munter, um Kurs und Wind zu kontrollieren. „Gute Nacht, Toni„ – „Gute Nacht, Rudi„ heißt es dann, bis zum nächsten Segelmanöver oder bis zum nächsten kitschigen Sonnenaufgang.

Das negative Rekordetmal: unvorstellbare 12 Seemeilen in 24 Stunden! Dabei haben wir in der zweiten Nachthälfte sogar ein kleines Briserl gehabt, allerdings genau nach Süden. In der Morgendämmerung dreht das Lüfterl, wir fahren eine Wende und in der Folge wieder genau nach Norden. Ja; und so kommt dann eben ein Etmal wie dieses heraus. D.h., daß wir mit einem halben Knoten Geschwindigkeit am Weg sind oder für Landratten: nicht einmal 1 km/h im Durchschnitt. Jeder Spaziergänger hätte uns locker überholt, sogar Schwimmer hätten eine realistische Chance. Dazu kommt noch, daß wir heute auch die Bordzeit angepaßt haben, und die Uhr um eine Stunde zurückgestellt wurde. Man könnte auch sagen, wir tricksen mit allen Mitteln, und machen sogar den Tag um eine Stunde länger, um nicht ein neuerliches Rekordetmal verzeichnen zu müssen.

Mittwoch, 11.10. – 9. Seetag: Öl in der Timor-See

Letzte Nacht haben wir alle Segel weggenommen, um wenigstens etwas ruhiger schlafen zu können. Das nervtötende Segelschlagen sind wir los geworden, doch die Dünung hat uns noch lange von einer Seite auf die andere geworfen. Diesige Sicht und ölig-glatte See, nach dem Frühstück wird der Motor angeworfen, diesmal nicht nur zum Batterieladen, sondern um wenigstens ein paar Meilen nach West zu machen.

Kurz nach Mittag kommen die beiden Ölplattformen in Sicht. In sicherer Entfernung zu beiden nehmen wir die Durchfahrt, und schon fast nicht mehr erwartet, regt sich ein leichter SE. Sofort Segel rauf und Motor aus und ab 14.30 Uhr wird wieder einmal gesegelt. Wie lange diesmal? Nachdem es heute auch bewölkter und nicht so drückend heiß ist, kann man auch hoffen, daß der Wind eher durchsteht. 16.00 Uhr: der Wind beginnt schon wieder zu schwächeln, Vasco allein kann den Kurs nicht halten. Seit vielen Tagen spüren wir erstmalig wieder andere Menschen innerhalb unseres Horizontes, als ein Versorgungsdampfer von der einen Plattform ablegt und die südliche ansteuert.

Am späten Nachmittag können wir das Leben und Sterben im Meer beobachten. Ganz plötzlich beginnt eine Fläche von ~ 100 m² zu kochen, weil unzählige Fische immer und immer wieder aus dem Wasser springen. Das ist dann ein untrügliches Zeichen dafür, daß Raubfische – Haie - in den Schwarm eingedrungen sind und gerade Mahlzeit halten. Und wenn man vorher in der ganzen Runde weit und breit keinen Vogel gesehen hat, jetzt sind sie plötzlich alle da, ziehen ihre engen Kreise über dem brodelnden Geschehen. Immer wieder tauchen sie auf die Wasserfläche herunter, und holen sich ihren Anteil ab. Das ganze Spektakel dauert nur wenige Minuten und bald darauf beginnt es an anderer Stelle zu kochen.

Donnerstag, 12.10. – 10. Seetag: Backtag und Obstsalat by Rudi

Es ist schon richtig fad, davon zu berichten: die abendliche Brise ist bald wieder sanft eingeschlafen. Nach einer entsprechend ruhig – unruhigen Nacht sind wir schon früh munter. Am nördlichen Himmel machen wir drei Segel aus, die möglicherweise auch Westkurs laufen, bald aber in der Kimm verschwinden.

Heute morgen beobachten wir besonders viele Delfine, die Ostkurs gehen; Quallen und Seeschlangen haben wir seit zwei Tagen nicht mehr gesehen. Vielleicht auch ein Zeichen, dass wir uns dem großen und tiefen Indischen Ozean nähern. Die Riffe Ashmoor und Hibernian liegen jetzt noch etwa 100 sm voraus; und diese bilden ja die westliche Grenze der Timor-See. Ein weiteres Indiz ist, daß die Wassertiefe nun konstant zunimmt und ab den Riffs dann praktisch schlagartig auf einige tausend Meter abfällt.

Die drei Segler beobachten wir noch bis Mittag, allerdings nicht mehr querab im Norden, sondern achteraus im NE sichten wir sie letztmalig. Das heißt nicht mehr, als daß wir sie klar „ausgesegelt„ und besiegt haben, denn wir befinden uns nach wie vor auf Kurs 280 mit kleiner (aber doch) Fahrt voraus.

15.00 Uhr: heute war auch Backtag. Toni hat zwei kg Weißbrot produziert, ich habe zu unserem etwas verspäteten Mittagessen die ebenso hervorragende Knoblauchmargarine und geschnittenen Zwiebel beigetragen. Außerdem habe ich die Salami und eine Flasche Radler vorbereitet. Man sieht schon wieder an der Aufgabenteilung, daß du als Crew immer ein armes Schwein bist. Dieses selbe und der „wirkliche Meister-Skipper„ liegen nun wie die faulen Fliegen im Cockpit und verdauen und sind mit sich und der Welt verdammt zufrieden.

Denn als Draufgabe sozusagen, fahren wir bereits seit dem frühen Vormittag unter Segel und noch dazu genau dorthin, wohin wir auch wollen. Der SSW bis S ist zwar nur ein bescheidener 2er, dafür aber wenigstens so konstant wie schon fast eine Woche nicht mehr.

Gestern hat es ja frischen „Obstsalat by Rudi„ gegeben. Erstens habe ich viel zu viel gemacht und zweitens ist mir wohl die Rumflasche etwas ausgekommen. Jedenfalls war das Ding eher auf der starken Seite. Gut war er trotzdem, nur Toni ist den ganzen Nachmittag nicht mehr so richtig er selber geworden. Den spärlichen Rest des „Teufels-Punsches„, wie ihn Toni bezeichnete, hat es nun heute als Dessert gegeben. Ich finde, er war köstlich und die Früchte gerade richtig durchgezogen. Toni hat es gleich wieder umgeworfen. Prächtig hat er den halben Nachmittag verschlafen.

17.00 Uhr: die ganze Segelherrlichkeit auf Erden. Wie auf Schienen fahren wir mit vier Knoten exakt nach Westen. Nur selten muß ich Vasco ein wenig unterstützen, die Sonne beginnt zu sinken, Toni schläft noch immer; leise und gleichmäßig murmelt das Kielwasser. Meine Gedanken sind weit, dort bei der untergehenden Sonne, entlang dem goldenen Streifen, den sie hier auf dem Meer hinterlässt und der genau im Bug der Serengeti endet. Und am anderen Ende dieses Goldstreifens bist du – Gerti – bist du – mein Zuhause. Und ich denke in ganz warmen Farben und hellen Tönen. Alles ist irrsinnig harmonisch, genauso wie unsere Liebe (wenn wir sie nicht gerade durch irgendwelche Äußerlich- oder Kleinlichkeiten stören). Es ist ein unglaublich schönes Gefühl, so weit von zu Hause zu sein und doch genau zu wissen, wo es ist. Und so muss ich wohl zur Kenntnis nehmen, niemals ein Seemann wie Beryl Markham zu sein, der sagte:

„Like all the oceans, the Indian Ocean seems never to end, and ships, that sail on it are small and slow. They have no speed, nor any sense of urgency; they do not cross water, they live on it until the land comes home„ (Wie alle Ozeane scheint der Indische nie aufzuhören. Schiffe, die ihn befahren, sind klein und langsam. Sie haben weder eine Geschwindigkeit noch gar eine Dringlichkeit. Sie überqueren nicht das Wasser, sie leben darauf, solange - bis das Land heimkommt.)

Macht mir aber überhaupt nichts. Ich bin froh und dankbar, wenigstens so viel Seemann geworden zu sein, um die Schönheit und Langsamkeit, die Ewigkeit und Bedeutung des Meeres sehen und spüren zu können. Vieles in meinem Leben und meinem Umfeld sehe ich heute anders, viel mehr schon mit Rainhard Fendrich, wenn er singt:

„Vü, vü, schena is des G’füh, waunn i a Liab gspiar – in mia,

vü, vü, wärma als de Sunn mi wärma kaunn, is ma daunn!„

Diese Zeilen schreibe ich um 1.30 Uhr während meiner Nachtwache; wir stürmen mit 6 kn dem Indik entgegen und der Vollmond steht gerade über mir. Bei uns hat soeben Freitag, der 13.10. begonnen. Du, Gerti, hast gerade deine Kellerbar aufgesperrt. Wenn ich dann um 3.00 Uhr Toni wecke und selbst schlafengehe, ist bei dir wahrscheinlich gerade highlife. Und um ½ 6 werde ich dann im Morgengrauen munter, wenn deine letzten Kurgäste gerade gegangen sind, dann schlafe ich halt noch einmal ein. Um 8.00 Uhr ist dann für mich endgültig Tagwache, du sperrst wahrscheinlich gerade zu und fährst (hoffentlich) vorsichtig nach Hause. 

Freitag, 13.10. – 11. Seetag: Wale an Steuerbord voraus

Ein wahrlich historischer Tag auf der Seereise der beiden crazy Austrians: Der SW-Wind hält weiter durch, sodaß wir heute definitiv die Timor-See verlassen und in den großen Indischen Ozean eintauchen. Zum Mittagsbesteck liegen die beiden Riffs Ashmoor und Hibernia querab.

Bis Christmas Island sind es noch exakt 1000 Seemeilen. Daß dem wirklich so ist, verdanken wir allerdings einer Neueinstellung des GPS. Toni wunderte sich schon immer, daß GPS- und die Kartenangaben meist um bis zu 15 % differierten. Mein Hinweis, daß möglicherweise statt Seemeilen Landmeilen gespeichert sind, macht ihn stutzig. Es wird die Betriebsanleitung konsultiert, und siehe da, schon bald drauf passen Karte und GPS wieder perfekt zusammen.

Kurz nach mittag kreuzt eine Walfamilie unseren Kurs. Erst haben wir sie Stb voraus, die Kameras bereit, aber kaum sind wir nahe genug, korrigieren sie ihren Kurs, und sie tauchen erst wieder Bb achteraus auf – leider nicht nahe genug für unsere dürftigen Kameras. Es sind etwa 10 Wale mit einem Schädel, der den Pottwalen ähnelt, ganz dunkel und deutlich größer als Delfine.

Der Indik läßt uns wieder Freude am Segeln finden. Schon seit Stunden rauschen wir mit 7 kn am Wind genau nach Westen. Vasco arbeitet perfekt und braucht nur selten eine kleine Korrektur. Allerdings muß ich mir für die Nacht noch etwas einfallen lassen. Die Krängung ist jetzt doch so stark, daß mich meine schiefe Bank in Luv sicher abwerfen wird.

Samstag, 14.10. – 12. Segeltag

148 Seemeilen – Rekord! Die ganze Nacht sind wir mit 7 kn unterwegs und immer genau auf Kurs. Die Krängung war dann doch nicht so schlimm, sodaß ich mit einem behelfs-mäßigen Lee-Bändsel das Auslangen gefunden habe und nicht unsanft aus meiner Koje befördert wurde. Trotzdem ich sehr gut geschlafen habe, bin ich ständig müde. Am Vormittag habe ich schon ein Nickerchen gemacht und jetzt werde ich mich auch gleich einmal abmelden. Es geht mir nicht gut; ich glaube, ich habe einfach zu viel Sonne erwischt. Ich mag nicht essen, leichte Kopfschmerzen und ständige Müdigkeit sind die Folge. Also, sollte ich wieder ein bißchen besser aufpassen, vor allem weil man bei Wind die Kraft der Sonne schnell unterschätzt.

Kurz vor Sonnenuntergang hat uns eine Schule Delfine entdeckt. Sie spielen mit unserem Boot eine Viertelstunde intensiv: rund 1 Dutzend dieser lachenden Säugetiere springen oft zwei bis drei Meter aus dem Wasser heraus, meist paarweise und absolut synchron. Toni fotografiert, was die Kamera hält, ich bin so fasziniert, daß ich glatt vergesse, die Kamera zu holen. 

Sonntag, 15.10. – 13. Seetag: Traumbuchsegeln

Seit mehr als drei Tagen ziehen wir nun schon auf Steuerbordbug exakt nach Westen. Ganz selten und nur geringfügig müssen die Segel und die Windfahne etwas nachgestellt werden. Mit einem Wort: es ist nichts zu tun an Bord und die Mannschaft ist in bester Laune. Essen, Körperpflege und lesen heißen die wichtigsten Tagesaktivitäten. Schnapsen geht nicht mehr, weil Toni endgültig das Handtuch und die Karten geschmissen hat, nachdem er die fünfte Niederlage en suite kassiert hat. Das hat natürlich ausschließlich mit meinem Glück zu tun; daß ich vielleicht besser spiele, läßt er nie und nimmer gelten.

Ein Tanker hat sich heute kurz am Horizont gezeigt, und uns wieder einmal daran erinnert, daß wir doch nicht ganz allein sind auf dem weiten Ozean. Er kam von Norden aus den indonesischen Inseln und nahm dann Kurs Ost nach Australien.

136 sm zeigt das GPS als heutiges Etmal – wunderbar! Wenn der Wind so weiter durchhält, dann können wir Christmas Island bis Freitag schaffen. Aber nur einen halben Tag Flaute, und wir schaffen es nicht mehr vor dem Wochenende. Dann müssen wir halt zu höheren Gebühren einklarieren. Aber, was soll’s, erstens kann noch viel passieren bis Christmas und zweitens müssen wir es sowieso nehmen, wie es kommt. Jedenfalls befinden wir uns auch gerade über dem tiefsten Punkt des Indik: 7.014 m Wasser haben wir unter dem Kiel. Eine sehr große und doch unbedeutende Ziffer, weil es keinen Unter-schied macht, ob das Meer jetzt 200 m oder 10.000 m tief ist. 

Montag, 16.10. – 14. Seetag: Regen und die 1000. Seemeile

Morgens um sechs Uhr setzt leichter Regen ein. Rundherum ist es bewölkt und von E / SE kommt eine Front auf. Der Wind legt zu, als die Front drüberzieht, wird aber nicht stärker als 5 bis 6 bft. Hinter der Front setzt relativ starker Regen ein, der ungefähr zwei Stunden dauert. Danach haben wir variable, schwache Winde. Um zehn Uhr wird der Motor gestartet, weil sowieso auch die Batterien geladen werden müssen. Mittags verbuchen wir mit 155 sm ein neues Rekordetmal seit Darwin. Mit der Freude lebt auch die Chance auf, Christmas Island noch vor dem Wochenende zu erreichen. Noch sind es knapp 600 sm.

Während des Regens hatten wir backbord querab ganz plötzlich einen Wal mit 6 – 7 m Länge, der sich regelrecht dem Süßwasser entgegenreckt und damit ganz spektakulär bis zur Hälfte aus dem Wasser kommt. Als wir dann endlich auf Fotodistanz heran sind, taucht er leider ab.

Im Laufe des heutigen Tages werden wir auch unsere 1.000. Seemeile abspulen; wir haben allerdings auch schon den 14. Tag auf See. Keine berauschende Leistung also, wenn man sich allerdings die tristen Flautentage vergegenwärtigt, dann ist man schnell wieder zufrieden. Und Bali haben wir heute auch querab; allerdings gut 200 sm entfernt – keine Gefahr also für die balinesischen Schönheiten und unsere eigenen zuhause!

Toni hat sich Palatschinken gewünscht, die ich auch super hinkriege (weil ich mich an Co-Smutje Rainers Weisheit erinnere, dass Teig und Smutje mindestens eine Stunde ruhen müssen!). Großes Lob also von der ganzen Mannschaft, außer vom Smutje des Tages, dem ist nämlich von der Hitze in der Pantry schlecht geworden und hat keinen Appetit.

Mit der Dunkelheit kommt die nächste Störungsfront. Kaum haben wir unsere Betten gerichtet, beginnt es zu regnen. Flucht nach unten ist angesagt. Ein komisches Gefühl, nach zweieinhalb Wochen erstmalig wieder in der Koje zu schlafen. Es ist mir auch viel zu heiß und die Schiffsbewegungen sind hier auch ganz ungewohnt. Der Regen ist bald vorbei und ich ziehe wieder in mein gewohntes Bett im Cockpit. Mit fast unglaublichen 7 bis 7,5 kn nur unter Genua rauschen wir durch die Nacht – genau nach Westen! Um ca. zwei Uhr erwischt mich wieder der Regen und diesmal bleibe ich dann unten in meiner Koje. Ich stehe zwar ein paarmal auf, um Ausguck zu gehen, geschlafen wird jetzt aber unten.

Dienstag, 17.10. – 15. Seetag: eine nächtliche Fischerflotte