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DIE JUNGEN
ALTEN - DAS MEER UND DIE VERONIKA - DIE OLD FELLOW CREW

Erinnerungen an einen geglückten Segeltörn im Süden der Türkei mit Skipper
Ernesto; erzählt von Friedrich Wieninger
2004
Im Vorfeld der Reise war die Rede von "Pensionisten Gang" oder besonders lieblos gar von
"Grufty Crew"; Old Fellows Crew klingt da schon etwas freundlicher und dabei wird es auch bleiben auf diesem Törn.

Ja, für uns Greenhörner ging es in der Tat darum, mit etwas völlig Neuem anzufangen, mit der Seemannschaft, also mit der Praxis der Tätigkeiten, die bei dem Betrieb eines hochseegehenden Segelschiffes notwendig sind. Hochseesegeln ist harte Arbeit und durchaus etwas Ernstes und Verantwortungsvolles, gilt es doch das Schiff vor dem Land und die Crew vor dem Meer zu bewahren. Das predigte unser Skipper Ernest immer wieder mit Nachdruck, aber auch mit zäher Geduld. Gar nicht so leicht angesichts von Old Fellows, die Alten brauchen einfach etwas länger, bis sie den Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis kapiert haben.
Dazu kommt, dass wir sowieso eine gar seltsame Gesellschaft gewesen sind: eine "Maus"
ein "Häschen" ein "Mädchen" und ein ziemlich raumverdrängender "Wuffi" ein schwadronierender Reservephilosoph Friedrich und der alte Seebär Ernest der Skipper himself. Was hat es da nicht im Vorfeld der Reise von allen Seiten an warnenden Stimmen gegeben. Ihr werdet euch streiten, denn in unserem Alter kann man nicht mehr so eng und nah zusammenleben, ohne sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen. Von Hackordnungsproblemen gar nicht zu reden.
Also, wos is ? Gar nix war! Ganz im Gegenteil! Wir haben uns ausgesprochen gut vertragen und viel gelacht, wir hatten gute Gespräche miteinander, ernste, fröhliche, lustige, selbstbezogene, frotzelnde, philosophierende, leise und laute. Wie das lange Leben eben spielt oder bisher so gespielt hat. Jedenfalls haben wir uns nicht entzweit, wir sind uns näher gekommen. Man braucht das jetzt gar nicht hymnisch loben und preisen, es genügt, es hiermit festgestellt zu haben. Jedenfalls sei gesagt: Danke schon mal jetzt an alle Old Fellows: Ihr ward alle wirklich prima. Das einmal vorne weg.
Zunächst waren alle pünktlich am Flughafen, keiner hatte den Pass vergessen oder die Flugtickets. Kunststück, schließlich waren wir ja alle erfahrene Weltreisende, nicht wahr? Erst grüßt der Plattensee, dann Istanbul, das Marmarameer glänzt golden herauf und bietet seine Küste in scharf gezackten dunklen Formen dar. Ein erster Moment von Spannung kommt auf. Das Meer, wie wird es mit uns umgehen? wie werden wir damit umgehen? so ganz nah auf Tuchfühlung? Ängste? Oder nur gespannte Vorfreude? Eher letzteres. Der Anflug von Dalaman erfolgt direkt vom Meer. Ich mag es gar nicht gerne, wenn man so kurz vor der Landung nur Wasser unter sich hat. Mit Erstaunen fahren mit dem Taxi in die Marina Göcek ein. Das ist ja ein Mords - Betrieb, eine großzügige Anlage, viele Yachten, interessante Schiffe dabei, in allen Größen. Geh ma Schifferl schaun! Die angeleinten Yachten spiegeln sich mit ihren Masten im Hafenwasser als zittrige Lichtgebilde wieder. Das freut den Fotografen, denn das ergibt wunderbare Motive. Schiffe, Schiffe, ich liebe Schiffe.
Und nun der überaus spannende Moment: man präsentiert unser Schiff, die "Veronika" eine Bavaria 40, in Bayern gebaut, eine Landsfrau also. Servus altes Mädchen! Wir nehmen sie in Besitz, unser Heim für die nächsten 10 Tage. Liebe auf den ersten Blick. Der Skipper nimmt an Hand einer Checklist das Boot ab, der Ecker Mann erklärt die Geräte, dem Ernest kann er nichts Neues erzählen, der kennt alles. Es ist alles da was da fein säuberlich aufgezeichnet ist, sodass dem Ernest nichts anderes übrigbleibt, als die Eckers wegen der perfekten Vorbereitung in höchsten Tönen zu loben. Wir schlichten unsere Habseligkeiten in die dafür vorgesehenen Stauräume. Es ist schon etwas eng hier. Für den Wuffi ein gewisser Schock, so eng hat er es sich nicht vorgestellt.
Ein erstes Umschauen in der Marina. Bombastisch die Sanitätsräume, Duschen und Waschräume vom Feinsten, alles in Marmor. Wau! Alles für Yachtbesitzer, für reiche Pinkel, aber auf den Marmortoiletten tun eh alle nur das gleiche, oder? Abends im Fischlokal. Schön und gut, aber der Wein ist sauteuer. Am nächsten Tag sitzt der Wuffi alleine und sehr nachdenklich an Bord und brütet vor sich hin. Als gelerntem Banker hat man ihm die Bordkassa aufgehalst. Das wäre ja nicht weiter schlimm, gebe es da nicht das verdammte türkische Geld mit seinen Millionen und Abermillionen. So brütet er als Zahlmeister halt zunächst über seinen vielen Millionen, ehe er mit der Verproviantierung, mit der Praxis des Geldausgebens beginnt. Im hauseigenen Geschäft der Marina wird verproviantiert, die Helga spielt hier ihre diesbezügliche Erfahrung aus und anschließend werden die letzen Stauwinkel an Bord zur Lagerung von Mineralwasser und Bierflaschen ausfindig gemacht.
Nun wird der Skipper ganz ernst und erklärt den Greenhörnern, wie man sich auf einer Yacht zu verhalten hat, dass man nur rückwärts gewandt und angehalten den Abhang hinunter in die Kajüte begehen soll, damit es einem nicht hinunterhaut, wenn es auf Grund des Seegangs ein wenig wackelt. Und dann natürlich das Klo, das komplizierte, mit seinen zunächst undurchschaubaren Hebeln zum Herumlegen, einmal so dann wieder so. Und dann das Pumpen. Wann hat man in seinem bisherigen Kloleben schon pumpen müssen. Schließlich der Sicherheits-Check mit dem Sicherheitsgurt mit dem man sich anhängen muss, wenn's schwierig wird. Und die Schwimmweste, die uns eine so gute Schlafunterlage für den Kopf war. Aber diese Informationen sind sicher wichtig.
Es kann losgehen, es geht los. Powered by Volvo drehen wir langsam hinein in den Golf von Fethiye. Der Ernest steuert, daneben sitzt eine strahlende Helga, eine schöne Frau mit roter Kappe und Glücksgesicht. Sie kennt das alles ja schon, deswegen das Glücksgesicht. Das Greterl hat ihre Begeisterung natürlich auf der Zunge, wenn sie nicht gerade mit einem gröberen Problem in ihrem Kreuzworträtselbuch konfrontiert ist. Wie heißt doch gleich der Berg mit drei Buchstaben in der Nähe von St. Moritz? Oder so. Der Wuffi nimmt sich zur Überwindung des ersten Schreckens einmal ein Bierchen. Der Friedrich ist so naiv, Vergleiche mit seinen Kajakfahrten anstellen zu wollen, was natürlich Unsinn ist. Oder vielleicht doch nicht so ganz? Die Kraft des Wassers ist immer ähnlich wenn auch die Formate und die Verzögerungszeiten verschieden sind. Und die Ulrike sitzt ruhig lächelnd daneben und denkt sich: was hab' ich nicht schon alles anfangen müssen, seit ich mit diesem Kerl zusammen bin, Kajakfahren, Zelten, Lautespielen, Studienreisen, Hüttenleben, jetzt halt' auch noch Segeln, is' ja eh´ schon wurscht. Der Ernest wird sich wohl auf den ersten Meilen überlegt haben: wie bringe ich nun den Greenhörnern etwas von den Spielregeln der Seemannschaft bei, und so hat er als erstes mich zum "Ankerman" bestimmt, wird schon schief gehen, und dann ist Steuern lernen angesagt, unter Motor, Wind is' eh' keiner.
Also: Von der Kunst des Steuerns einer Hochseeyacht: Zunächst hatte jeder von uns einen Heidenrespekt vor dem Steuerrad, denn es ist schon ein mächtiges Gefühl, wenn man ein so großes Boot zu steuern hat, wenn man fühlen kann, wie es sich unter den am Rad liegenden Händen bewegt. Beim Steuern ist Konzentration gefordert, Konzentration auf das angepeilte Ziel, Konzentration auf den Bug, Konzentration auf die Gegenbewegung des Ruders, Konzentration auf die kontrollierenden Geräte. Stark konzentrierte Menschen sind in ihrer physischen Versammeltheit schön, bei Helga ist es das Glücksgesicht. Der Ernest sagte etwas vom Schmusen mit der Welle und dann käme das Lustgefühl. Das Greterl hatte anfangs wohl die meisten Schwierigkeiten. In weit ausholenden Bögen manövrierte sie die Veronika hin und her, wenn sie nicht gar zu einem veritablen Dreher ansetzte. Geradezu beschwörend redete sie dem Bug zu doch gerade zu bleiben. Sie kommentierte, ganz Herz auf der Zunge, ihre nicht gelingen wollende Steuerkunst. Aber der Ernest bewies Geduld und hat nicht aufgegeben mit seinen pädagogischen Bemühungen. Die Anweisung des Skippers lautet: Fahr' 170 Grad, wenn du das hast, such dir einen festen Punkt am Horizont über dem Bug, und den steuere an, an Landzungen und Riffen fahre mit Respektsabstand vorbei. ay ay Sir alles klar, so haben wir es gelernt.
Ein allgemeines Wohlbefinden an Bord brachte einen von uns auf die Idee, gemeinsam einen Schluck Raki zu nehmen. Der Wuffi darauf: Ja wenn's mi' zwingt's .
Und weil wir schon beim Wuffi sind: Der Ernest setzt zum ersten Mal die Segel. Rege Geschäftigkeit allenthalben. Das ganze Tauwerk ist in Aktion die Winschen flutschen. Nach dem Setzen des Großsegels wird auch noch die Genua ausgerollt und die Segelstellungen werden korrigiert und dem Wind angepasst. Es dauert eine Zeit, bis alles sitzt. Die Crew schaut mit Interesse zu, nur der Wuffi ist unten in seiner Kabine. Als die Veronika schließlich mit geblähten Segeln Fahrt aufgenommen hat, erscheint er am Abgang und fragt ganz treuherzig: Ist der erste Rummel schon vorbei?
Das ist schon eine traumhafte Sache, man schippert die Küste entlang, unendlich langsam zieht die Landschaft vorbei, hier ein Dorf dort ein Kirchlein, hier eine Moschee mit ihrem Minarett. Das tut wirklich gut, es ist die wiederentdeckte Langsamkeit. Abends sucht man sich eine geschützte Bucht und setzt den Anker aus (am besten ist heller Boden, Sand oder Schlick) Nicht lange nach dem Ankermanöver hallen entzückte Frauenrufe über die Bucht, wenn sich die weiblichen Crewmitglieder die blauen Fluten gestürzt haben. Das Greterl ist vorsichtig, sie führ ihr aufgeblasenes Rettungskissen mit sich, da kann nichts passieren. Sehr gescheit finde ich. Eine Süßwasserdusche am Heck sorgt nach dem Bad für den
Abwasch. Aber bitte nicht zu viel wasser verbrauchen, wir haben nur begrenzt davon.
Wir ankern in der Bucht des "Mustafa". Der Ernest war schon des öfteren hier. Er ist ein Schlitzohr dieser Mustafa, haust hier ganz abgelegen, ohne über eine Straße erreichbar zu sein. Seine ganze Familie ist eingespannt, denn er betreibt ein uriges Wirtshaus auf Stelzen stehend über der Bucht. Es ist ein Treffpunkt der Segler, die nicht nur die schöne Bucht sondern vor allem Mustafa's urige Speisen schätzen. Fische aller Art oder seinen geschmorten Lammeintopf. Das ist von höchster Klasse, nicht zuletzt wegen seiner orientalischen Würzkunst. Aber der Kerl weiß hier seine Stellung auszunützen, die Preise sind nicht ohne. Dann singt er noch in Vierteltonabständen und begleitet sich selber auf einer alten Geige, die sicher seit Jahren nicht mehr abgewischt worden ist. Rotweinschwer bringt er uns mit seinem Motorboot zur Veronika zurück, aber das ist eine andere Geschichte.
Am nächsten Morgen kommt der immer etwas verschlafen wirkende Friedrich an Deck, bekleidet mit einem weißen Langärmelshirt, verschossener roter Hose und zerschlissenen Kanuschlapfen. Helga entfuhr es spontan: der Friedrich hat sich wieder als Ankerman verkleidet. Klar hab ich, aber was heißt hier verkleidet, ich möcht' schon bitten, schließlich bin ich es auch! nicht wahr. Der Ernest hat sich- bei aller sonstiger Geduld - immer schrecklich aufgeregt, wenn sich die Crew bei diversen Manövern immer wie ein Hühnerhaufen benommen hat, trotz aller Geschäftigkeit herumgequasselt hat, anstatt den knappen und präzisen Kommandos Folge zu leisten, oder diese wenigstens nicht zu behindern. Die Seemannschaft ist wie eine Managerstruktur, die Parallelen sind unübersehbar, ja ganz offensichtlich sogar. "learning bei doing" bei Jungen durchaus etwas weniger lang, aber immerhin ist der Törn mit einem perfekt ausgeführten Anlegemanöver in Göcek zu Ende gegangen.
Weit drinnen in der Bucht liegt, an die Berge angeschmiegt, das kleine Städtchen Kalkan. Zwei kleine Leuchtfeuer, wie es sich gehört in rot und grün, weisen den Weg in den Hafen hinein. Obwohl es eng zugeht, finden wir einen Liegeplatz, dem man sich nun rückwärts annähern muss, um am Heck an der Kaimauer festmachen zu können. Rückwärts manövrieren ist immer schwierig. einerseits darf nichts zu schnell gehen, andererseits reagiert das Ruder nicht so exakt wie beim vorausfahren. Und die Abstände müssen stimmen, deshalb lassen wir früh genug den Anker ins Becken fallen. Ganz langsam und mit Nachlassen und wieder Anspannen der Ankerkette kommt das Boot mit dem Heck an die Kaimauer heran, wo unser runder Heckfender ein Berühren der Mauer verhindert. Endlich können die beiden Heckleinen angeschlagen und mit einem Kreuzknoten am Klampen festgemacht werden. Jetzt noch noch den Landesteg festgezurrt und die bordeigene Elektroleitung gelegt. Nun kann im Kühlschrank das Ankerbier gekühlt werden und dem wenden wir uns nach getaner Verrichtung auch ausgiebig zu.
Eine hübsche kleine Uferpromenade, gesäumt von Palmen und blühenden Oleanderbüschen schafft optisches Behagen. Ein Hauch von Orient aller Orten. Wasserpfeifen werden angeboten, an einer Dattelpalme hängen Fruchtstände mit gelben Datteln. In den Kneipen sitzen nur Männer und trinken ihren süßen Tee. Die Tradition schein es zu verbieten dass auch Frauen in den Lokalen sitzen. Die weiblichen Seglerinnen werden wohl auf Dauer diese Tradition beschädigen. Die Duschen in der Hafenmeisterei sind lausig, jedoch willkommen. Ein herrlicher Morgen gewährt uns wieder einen schönen Blick zu den zahlreichen kleinen Plätzen in der Stadt, die zu Gasthäusern umfunktioniert sind. Optimismus im Gesicht brechen unsere Frauen zum Einkaufen auf, ich zum Fotografieren Immer wieder werden Teppiche angeboten, türkische Kelim's und sehr bunt. Bayer Leverkusen lässt grüßen. Dafür decken wir uns mit Gewürzen ein, mit Safran, mit Kreuzkümmel, mit Kardamon, und mit einem roten Gewürz, das sie hier " Köfte Baler" nennen. Im Grunde gibt es die alle auch am Naschmarkt in Wien, aber es ist halt schön aus dem Urlaub etwas derartiges mitzunehmen. Ich lasse mich einfach treiben in den verwinkelten Gässchen, hie und da sehe ich in der Ferne unsere einkaufenden Frauen. Die strahlend weiße Moschee sieht im Tageslicht ganz anders aus.
Mittags lichten wir wieder den Anker und es geht weiter die bergige Küste entlang. Wieder lädt uns eine Bucht zum Ankern ein. Der Anker fällt und wechselnde Strömungen lassen die Veronika um den Anker herumschwoien, einmal schauen wir aufs Land und dann wieder in die Bucht hinaus. Drüben am Festland liegt ein kleines Dorf mit einigen Gasthäusern direkt am Meer "Hassan" Mit einem Motorboot werden wir abgeholt. Der Ernest wird vom Hassan stürmisch mit Küssen begrüßt, als ob sie die dicksten Freunde wären. Das Essen super, aus einer alten Garküche. Und die Vorspeisen!!!! und natürlich Fische aller Art und der geschmorte Lammfleischtopf, orientalisch gewürzt und von Hassan persönlich zubereitet. Vier Flaschen eines schönen runden Rotweins verschaffen uns einen fröhlich wohligen Abend Der Wuffi wird schon dafür sorgen, dass in die Bordkassa wieder nachgeschossen wird, wenn es eng wird mit den Finanzen.
Die ganze Gegend hier nennt man Kekova, aber eigentlich heißt nur die dem Festland vorgelagerte Insel so. Hassan fährt uns hinüber in das kleine Städtchen Kaleköy, dort wo einst eine lykische Stadt im Meer versunken ist. So manche Bauwerke können heute noch im klaren Wasser ausgemacht werden. Beim Anlanden pendelt das kleine Boot etwas hin und her, ich verpasse den richtigen Schritt und verbringe am Landesteg einen gewaltigen Stolperer. Es haut mich hin mitsamt der Kamera, die es gottseidank heil überstanden hat. Der Ausblick von der mühsam erstiegenen Burg ist schlichtweg atemberaubend. die blühenden Sträucher in dem kleinen Ort geben einen leuchtenden Kontrast zum tiefblauen Meer.
Es ist einfach irrsinnig schön. Beim Abstieg ein Olivenbaum, der urmytische Baum der Antike, besonders der Griechen mit dem Ölzweig als Symbol des Friedens, an die tausend Jahre alt. Abschluss in einem türkischem Kaffeehaus mit all seiner räumlichen Intimität sitzen wir wie ein osmanischer Pascha auf den niedrigen Sitzkissen die überall am Boden ausgebracht sind. Heute Abend wird an Bord gekocht, die Wieningers sind dran mit dem Kochen. Also auf geht's: selbstverständlich Mediterran: gebratener Feta Schafkäse, mediterrane Gemüsepfanne und in Wein gedünstete Broccoli - Mahlzeit - Wir bleiben noch einen Tag in einer andern Bucht, es einfach zu schön in dieser Gegend hier um wieder abzufahren.
Nachtfahrt: Wie beschlossen lichten wir den Anker erst am frühen Abend, um länger in der Traumbucht bleiben zu können. Also ein Törn mit Nachtwachen, steuern nur nach Kompass und mit wachem Ausguck. Also wir legen ab, die Segel werden gesetzt und suchen sich im schimmernden Gegenlicht den Weg durch die Inseln hindurch, hinaus aufs offene Meer. Ein Foto von dieser Ausfahrt zwischen diesen Inseln zeigt die Helga, wie sie im Gegenlicht auf dem Vorschiff sitzt und der Nacht entgegen träumt. Sie ist halt ein wenig eine "Stille" die liebe Helga. "Das Meer erglänzet weit hinaus im letzen Abendscheine", wie es in einem Gedicht von Heinrich Heine heißt. So auch bei uns. Als Friedrich die "Veronika" in die untergehende Sonne hinein steuert, legt der Wind zu, schräg von vorne, sodass das Boot ganz schön ins Schlingern gerät.
Die Wachen werden eingeteilt, aber schon zur zweiten Wache sollte es nicht mehr kommen. Die Ulrike und ich wollten uns vor unserer mitternächtlichen Wache noch etwas ausruhen, aber Schlafen war nicht möglich. Immer wieder schlug der Bug mit ohrenbetäubenden Krachen auf das Wasser. Da merkt man, welch ungeheure Kräfte da am Werke sind, und man kann sich vorstellen, wie eine Hochseeyacht gebaut sein muss, damit sie sich bei diesem Spiel von allen Seiten einwirkenden Kräfte ihre Steifigkeit behält. Das macht die eigentliche Qualität einer Yacht aus und nicht der Einrichtungsschnickschnack, der da wohl auch sein kann. Doch wie ging's weiter mit unsere stürmischen, nein- ein richtiger Sturm war das ja noch nicht - Nachtfahrt.
Der Ernest war wohl angesichts dieses starken Gegenwindes zu der begründeten Ansicht gekommen, dass wir wohl zu viel Zeit brauchen würden, um bis Marmaris kommen zu können. Also hat er die Nachtfahrt abgebrochen um wieder in unserem schönen Kalkan im sicheren Hafen die restliche Nacht verbringen zu können. Eine Aufgabe für den Skipper als Navigator: Zuerst mit dem GPS unseren exakten Standort ermittelt, in die Seekarte eingetragen und den neuen Kurs nach Kalkan eintragen. Ergibt also den exakten Kurs, der uns auch in der Nacht die rot- grün befeuerte Hafen- einfahrt finden lässt. Langsam haben wir uns in das uns ja schon bekannte Hafenbecken hineingeschlichen und an einem Fischkutter festgemacht. Der Eigner des Kutters ist trotz unserer Leisigkeit aufgewacht und das nächtliche Ankerbier, zu dem Ernest auch den Fisherman eingeladen hat, hat richtig gut getan. Ist so was ein Abenteuer? Wohl nicht ganz, denn dazu war der Vorfall, dank perfekter Navigationskunst zu kontrolliert gewesen.
Eines sollte nicht vorkommen auf unserem Törn: May day - May day - May day - Our Position is . . . . . we are six people on board - We have the following Problem - beer is over - please help us urgent - roger.
Auf dem weiteren Weg in den Westen erreichen wir wieder eine einsame Bucht, ich habe sie Kletterbucht genannt, weil die Ulrike und ich zwecks fotografischem Überblick einen steilen Abhang hinaufgeklettert sind. Das war gar nicht so ohne, weil die ausgedörrten Piniennadeln jeden Schritt gefährlich machten. Bis Marmaris zu kommen haben wir uns mittlerweile abgeschminkt. Ist ja auch wurscht. So segeln wir an Dalaman vorbei, ich steuere auf eine rote Felswand zu, beide Segel sind gesetzt, ein schöner Wind von schräg vorne füllt beide Segel, besonders die Genua, die hier zum Motor wird. Hie und da passen wir die Segelstellung dem Wind an oder drehen etwas an der zweigängigen Winsch. Der Skipper steht am Heck und lässt zufrieden seine Blicke in die Segel schweifen.
Apropos Skipper: Da habe ich vor Antritt der Reise das legislative Regelwerk der Schifffahrt erklärt bekommen, dass da in Paragrafen festgeschrieben ist. § 1 Der Skipper hat immer recht § 2 Sollte der überaus seltene Fall eintreten, dass der Skipper einmal nicht recht hat, so tritt automatisch § 1 in Kraft. Dem ist wohl nichts hinzuzufügen. Oder sollen sich ausgerechnet die grünen Old Fellow's für die Einführung der Demokratie an Bord stark machen ? sicher nicht.
Als endlich hinter der Insel vor Baba Adasi der Anker fällt (Ankerman: heller Grund, fünf Meter weiter rechts) sehen wir, dass am Ufer der Insel auf Booten Zigeuner ihr Lager haben. Die Crew beschließt, wir kochen an Bord. Am nächsten Morgen sind die Roma weg, wahrscheinlich verkaufen sie ihren Kram den Touristen in der gegenüberliegenden "All inklusive Ferienanlage" Nach ausgiebigen Badefreuden machen wir uns bereit für den letzen Schlag zurück in die Fethiye Bucht. Zwischen hier und der Einfahrt in den Golf liegt noch eine weithinausragende Landzunge. Also Respektsabstand und so! Man braucht uns dies aber nicht mehr extra zu sagen. Eh' kloar!.
Der Schiffsverkehr nimmt beachtlich zu, eine konzentrierte Aufmerksamkeit des Steuerns ist gefragt: Man muss durch das Zeichen einer eindeutigen Kursänderung, dem Verkehrsteilnehmer deutlich machen was man vorhat und bei Kreuzverkehr das Boot frühzeitig abdrehen und hinter dem Heck des Kreuzenden vorbeisegeln. So kann eine Kollision ausgeschlossen werden. So geht's doch, nicht wahr. Bei der Einfahrt ist die Helga am Steuer, mit großem Unbehagen, ihr wird der lausige Bootsverkehr zu viel. Etwas aufgeregt verlangt sie eine Ablöse und die Übernahme des Steuers durch den Ernest. Doch der besteht darauf, dass sie weiter steuert, laut § 1 darf er das. Dabei macht Helga das eigentlich ganz souverän und steuert völlig fehlerfrei. Können tut sie's ja. In Fethiye staunen wir schon wieder angesichts der unglaublich großzügig angelegten Marina, und mit großem Vergnügen frequentieren wir die ebenfalls mit Marmor ausgestalteten Sanitärräume. Die Türken scheinen sehr tüchtig zu sein.
Nach dem Manöverschluck machen wir uns landfein. Der Ernest hat eine Adresse von einem Fischlokal direkt an der Hafenpromenade, das sehr gut sein soll. Da er außerhalb der Seemannschaft keinen irgendwie gearteten Zwang auf die Crew ausüben will (offenbar ist § 1 hier außer Kraft) schlägt er vor, die drei Ehepaare sollen jeder für sich die Stadt erkunden, nur um ja nicht ein bösartiges
"Stetszusammenpick"- Syndrom aufkommen zu lassen. Später, so gegen neun Uhr, könne man sich ja zum Abendessen im Fischlokal treffen. Als Erste verschwinden die Schwaiger's. Will Gretl noch das Tageslicht nützen um mit ihrer hienigen Kamera zu fotografieren? oder ist Wuffi so neugierig auf die Lykier Gräber oder spitzt er nur auf ein kühles Bierchen in einem der Gastgärten ? Als wir etwas später dort vorbei spazieren, sitzt er genüsslich bei einem solchen. Es sei ihm gegönnt.

Zwei junge frische Türkenmädchen sitzen an der Promenade und spielen Backgammom, Sie lachen, als ich sie um Erlaubnis frage sie fotografieren zu dürfen. Von wegen Kopftuch, hier trägt keiner eines. Der Basar hier sieht zwar sehr malerisch aus, besonders abends wenn er beleuchtet ist. Der viele Tand der angeboten wird, glänzt in vielen Farben, ganz schön soweit. Aber ein richtiger orientalischer Basar ist das nicht. Ein deutschsprechender Teppichhändler fleht mich an, ihm doch einen Teppich abzukaufen, er habe zwei Kinder zu ernähren, schließlich könnt er ihnen doch keine Teppiche zum essen geben. Wie vereinbart treffen wir uns um neun Uhr. Der Ernest und die Helga sind schon da, die Schwaigers haben das Lokal leider nicht gefunden. Der Wirt bezeichnet sich selbst als Kapitän, er sprich also mit "Seinesgleichen". Der Ernest verleibt ihn in sein Netzwerk von Bekannten und Anlaufpunkten ein, mit denen er im Laufe der Zeit mit seinen Törns zu tun hatte. Es scheint mir ja gar nicht schlecht zu sein, wenn ein Großteil des Ernest'schen Segeltörn - Netzwerkes eben aus Gastronomen besteht.
Am nächsten Morgen leuchtet frühmorgens durch die geöffnete Luke die Sonne herein. Die aufgehende Sonne macht sich besonders gut im Mastenwald. Was kostet denn so eine Nacht in so einer Marina? Wuffi trocken: 56 Millionen. Am Vormittag hat die Crew frei. Mitten im Basar ein Teich mit zwei Enten. Im Vorbeigehen treffen wir uns in einem Cafe. Der Prinzipal, ein stattlicher Türke mit Schnauzbart sitzt am Tisch neben uns und hält Siesta. Neben ihm auf einem Stuhl ein griesgrämiger Boxer mit herunterhängenden Lefzen. Es ist schon so, mit den Jahren werden sich Hund und Herrl immer ähnlicher. So auch in diesem Fall. Selten so gelacht. Bevor wir wieder zurück an Bord gehen, sind im Basar der Helga noch ein paar neue Ohrringe zugewachsen.
In der Bucht von Fethiye verwöhnt uns eine satte Brise. Ein tolles Gefühl, wenn das Boot bei geblähten Segeln schräg am Wind hängt. Achtung fertig zur Wende! Mein Platz ist an der Genua Schot. Nach dem Kommando geht es darum, rasend schnell die Genua von der anderen Seite herüberzuholen und wieder zu spannen, zuerst per Hand, dann mit der Winsch, dreimal rundherum und dann festgeklemmt und gewinscht Da ist man schon ein wenig stolz darauf, wenn alles gut gelingt. Ein Lob vom Skipper darf man allerdings nicht erwarten, für ihn so was selbstverständlich. Das Lob des Skippers besteht vor allem darin, wenn er zwei Tage lang nichts zu meckern hat. Unser Törn neigt sich dem Ende zu. Auf einem Teppich von Licht segeln wir direkt auf das Land zu bevor wir zwischen den Inseln den schmalen Einlas zur Cleopatra Bucht zu sehen bekommen. Ein schräg von hinten einfallender Wind verdirbt uns das Landemanöver. Eine neben uns liegende Grazer Yacht ist behilflich und lässt uns bei sich festmachen.
Doch decken wir den Mantel des Schweigens über dieses missglückte Landemanöver. Dabei hätten wir nur etwas weiter hinten in der Bucht ankern müssen, anstatt bei diesem mickrigen Wirtshaussteg. Auch dieser Platz gehört wohl zum Netzwerk des Ernest. Direkt am Ufer des Meeres zu sitzen und zu essen und zu trinken, ernst und weniger ernste Gespräche zu führen, das Boot mit den bereiteten Betten zur Seite, das hat schon was. Das kommt dem Traum vom naturhaften einfachen Urlaub schon sehr nahe. (wenn nur dieses blöde Scheiß Landemanöver nicht gewesen wäre!) So als würden wir schon an Abschied denken werden die Gespräche an diesem Abend sehr philosophisch, die vielen Rotweinflaschen tun ihr übriges dazu. Wenn wir auch etwas zum Boot hin schwanken, so waren wir im Gegensatz zu unseren Nachbarn recht brav zu gange. Dort drüben ist es noch zu nächtlichen Ruhestörungen gekommen und einem fiel sogar das Essen aus dem Gesicht.
Noch etwas müde vom späten Schlafengehen bedauert unsere Jüngste, die Ulrike am nächsten Tag mit etwas Koketterie: Schließlich bin ich keine sechzig mehr!! Von der letzten Badebucht, in der wir noch ein paar Stunden gefaulenzt und gebadet haben, weiß ich sogar den Namen noch: " Boynuz Bökü " Sie ist eine der schönsten hier. Neben uns ankert eine besonders schmuckes Schiff mit Spitzheck. Als Heimathafen steht München drauf. Zwei Rentnerpaare pflegen dort der Ruhe, sie haben sogar eine Hängematte am Großbaum aufgespannt Ich schwimme hinüber, weil ich sie in echtem münchnerisch reden hören kann, also in meinem heimatlichen Idiom. Wir plaudern ein wenig miteinander: "A bsonders scheens Schifferl hab's do" Antwort: Jaja, des wiss' ma scho. Bayern sind normalerweise nicht so wortkarg, bayrische Seefahrer vielleicht schon.
Das letzte Anlegemanöver in Göcek darf keinesfalls verschwiegen werden. Es war nämlich nicht nur zielführend gelungen, sondern so gut wie perfekt in der durchaus schweigsamen(!) Durchführung. Selbst das Einfädeln und Belegen der Mooring stellte kein gröberes Problem dar, und das alles, ich wiederhole das mit großer Ausdrücklichkeit, nicht als aufgescheuchter Hühnerhaufen, sondern geradezu in verbissener und schweigender Konzentration. So als wollten wir sagen: Skipper schau her, wir haben etwas gelernt! Wirklich schade dass der Törn schon zu Ende ist. So wie die zerrinnenden Spiegelbilder der Schiffsmasten auf dem Wasser der Marina zerrinnt auch dieser Traum von Urlaub auf dem Wasser und fädelt sich langsam in die Reihe unserer vielen bisher erlebten Reiseerinnerungen ein .
Jetzt wartet als Gegensatz Istanbul auf uns. War bisher die Natur im Vordergrund, so kommt nun noch die Kultur
hinzu. Dann können wir als Motto unserer Reise nennen:
"Vielfalt statt Einfalt. Was kann es Schöneres geben"

Was wär´
der Skipper ohne seine kompetente Co-Skipperin?!
© Adriatic Sailing
& Tours: Mit freundlicher
Genehmigung von Friedrich Wieninger
und Ernest Käferböck |